GRUNDSCHOCKSART
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DASWEISSEGOLDVONWAGHÄUSEL

 

 KDr. P. Pachl: Laudatio über Jens Grundschocks „DASWEISSEGOLDVONWAGHÄUSEL“ 

 

Nur für den Fall, dass sich insgeheim irgendjemand wundert, warum neuerdings sogar Sekt zu ehemaligem Schrott serviert wird, dann möchte ich Ihnen jetzt – in meiner Funktion als Kunsthistorikerin – ein Angebot machen. Ein Angebot machen, mir gedanklich zu folgen, um der Intention dieses außergewöhnlichen Kunstwerks auf die Spur zu kommen. Schaut man nämlich einmal genauer hin, gibt es viel mehr zu entdecken, als es auf einen ersten flüchtigen Blick vielleicht erscheinen mag. 

 Der Schöpfer dieses Werks ist Jens Grundschock. 1965 in Frankfurt am Main geboren. Seit 1993 lebt und wirkt er in Waghäusel und ist seitdem mit der Region tief verwurzelt. So sehr, dass die Veränderungsprozesse auf dem Gelände der ehemaligen Zuckerfabrik sich seit Jahren in seiner Kunst widerspiegeln. Bei Wind und Wetter hat dieser Waghäuseler den Abrissprozess der Zuckersilos begleitet. Während der Demontage hat er weit über 8000 Aufnahmen gefertigt. 

 Heute feiern wir die Vernissage dieses Kunstobjektes, aber wir können uns – da der Künstler kürzlich ein Stipendium des Landes Baden-Württembergs erhalten hat – vielleicht sogar schon ein bisschen auf die noch kommenden Folgeprojekte freuen.

 Aus seinen Eindrücken ist ein komplexes Kunstobjekt entstanden. Versuchen wir doch, uns dieser ungewöhnlichen Arbeit Schritt für Schritt zu nähern, um so peu á peu ihren symbolischen Gehalt erfassen zu können. Die Komposition des Werkes besteht aus drei Elementen, die sich inhaltlich ineinander verschränken. Aus ihrer Symbiose entsteht nicht nur ein Statement, sondern auch eine Narration, die zu entschlüsseln Betrachter*innen eingeladen sind.

 Beginnen wir doch bei der Basis. Wir sehen am Boden eine schwere, runde Platte. Ihr zartes Blau entsteht durch die Mischung ultramarinen Pigments mit dem Zement. Im Blau spiegelt sich nicht nur die Farbe des Himmels wider, außerdem werden Assoziationen an die zarten Blautöne der Wasserläufe in diesem bekannten Naturschutzgebiet geweckt. Am relevantesten zur Interpretation dieses Werkes ist jedoch, dass diese runde und blaue Form mit Farbe und Form des Innenraums des ersten Zuckersilos korreliert.

 Die dreigliedrige Konstruktion wird um einen weißen Quader ergänzt. Er wirkt zunächst wie ein charakteristischer Sockel. In diesem Kontext wird jedoch schnell deutlich, dass es sich vielmehr um einen überdimensionalen, symbolischen Zuckerwürfel handelt. Eine in Beton gegossene Metapher für das weiße Gold von Waghäusel – wie der Werktitel schon verrät. Wie das Silo den Zucker, trägt und beherbergt die Bodenplatte den symbolischen Quader. Der sonst eigentlich schnell- und zartschmelzende Zuckerwürfel wird in Beton nachgegossen, um so die Zeiten zu überdauern. 

 Wie ein exquisites Topping dieser Komposition entdecken wir darauf die ästhetische Form eines deformierten Stahlrahmens. Gerade im Kontrast zu den zeitlosen geometrischen Formen – der Kreis

und der Quader – entdecken wir obenauf die filigrane und freie Form dieses ehemaligen Rechtecks, durch Abriss und Zerstörung zufällig entstanden. Was nun eigentlich zu Schrott, einem Abfallprodukt unserer Zivilisation geworden wäre, wurde von Jens Grundschock aus seinem Verwertungsprozess enthoben, errettet und in ein komplexes Kunstwerk integriert. Der Stahlrahmen war ursprünglich ein Originalteil der Zuckersilos, vermutlich die Einfassung eines Aufzugs. Durch den Abriss wurde er zerstört, verbogen, seiner Funktion enthoben, durch die rohe Kraft der Baumaschinen in seiner Form verändert: Was als stabil und unvergänglich galt, ist aus den Fugen geraten – wie die Zuckerfabrik. Das Objekt wurde sandgestrahlt, grundiert und schließlich mit mehreren Schichten echten Blattgoldes veredelt. Durch den Einsatz des Blattgolds wird eine konkrete, materielle Referenz zum barocken Jagdschloss erzeugt. Die ästhetische Form wurde genauso belassen, wie der Zufall sie erschaffen hat. Durch Grundschocks Einsatzes starker Kontraste – so etwa aus rauen Baustoffen in Kombination mit edlem Blattgold – entstehen Irritationen, gleichzeitig wird die Neugier geweckt, was dahinterstecken könnte und unser Blick wird geöffnet, um uns auf die oftmals ungeahnte Ästhetik von theoretischen Abfallprodukten unserer industriellen Gesellschaft einzulassen.

 Durch Jens Grundschocks künstlerische Transformation werden neue, metaphorische Werte sichtbar gemacht. Früher war Zucker – das weiße Gold von Waghäusel – unbezahlbar und unverzichtbar: ein stabiler Wert, eine sichere Investition und ein sicherer Arbeitsplatz. Der Zucker hat die Region wortwörtlich und wirtschaftlich ernährt. Die überdimensionale Größe von Jens Grundschocks Zuckerwürfel entspricht also einer Bedeutungsperspektive. Mit gesellschaftlichen Veränderungen in Bezug auf Wohlstand, Wissenschaft, Schönheitsideale und außerdem unseren Ernährungsgewohnheiten wird gerade der weiße Zucker heute oftmals sogar verteufelt. – In einer Zeit in der wir nicht mehr hungern müssen, sondern uns beinahe selbst mästen. Heute dominiert ein ganz anderes Bild vom Zucker, den wir gerade nicht mehr essen wollen oder sollen: Aus dem edlen, weißen Gold wird verrufenes Hüftgold. Was früher einmal unumstößlich war – wie dieser Stahlrahmen – zeigt sich hier und heute zerknittert und derangiert wie ein weggeworfenes Zucker-Bonbonpapier.  Der Stahlrahmen ermöglicht nun Durchsicht. Betrachter*innen müssen sich selbst bewegen, ihre Position verändern, um verschiedene Perspektiven auf und durch die Skulptur einzunehmen: zum einen räumlich, im Selbstbezug zum Objekt, zum anderen gedanklich. Durch die Aufstellung des Objektes mit Blickachsen auf das ehemalige Fabrikgelände und den Standort der Silos ermöglicht der Künstler uns so, diesen Ort als einen Ort des Wandels begreifen. Zugleich können wir mit einem neuen, freieren Blick auf die Eremitage schauen, deren Wirkung innerhalb der Landschaft durch den Abriss der übergroßen Silos völlig verändert wirkt. 

 Selbst äußerst raffiniert, wie auch sein Sujet des weißen Zuckers, hat Grundschock durch sein Werk ein Fenster geöffnet; einen Ausblick auf Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit dieses Geländes. Mit diesem Durchblick ermöglicht er uns vielleicht sogar eine Vision zu erhaschen, wie sich diese Region,

unsere Lebensweise und unsere Welt verändern wird. Grundschock positioniert hier und heute ein synchrones Zeichen innerhalb der historischen Wandelprozesse dieses Landkreises. Sein Objekt wird ab jetzt und in der Zukunft die diachrone Betrachtung dieser Historie garantieren. Das zunächst ephemer Erscheinende wird durch dieses Objekt zu etwas Dauerhaftem. Durch das Kunstwerk wird Vergängliches manifestiert und gleichzeitig die Vergänglichkeit von zunächst Unvergänglichem dargestellt, so etwa der finanzielle und vor allem ideelle Wert von raffiniertem Zucker. Dieses Denkmal steht nun nicht mehr nur stellvertretend für den Abriss dieser Zuckersilos und bewahrt die Geschichte der Zuckerfabrik; es verdichtet die Geschichte und den Wandel in dieser Region und der Gesellschaft als solches.

 Umwandlung und Transformation, Demontage und Dekonstruktion sind wiederkehrende künstlerische Strategien in Grundschocks Arbeiten. Zahlreiche Ausstellungen dokumentieren, dass sich Jens Grundschocks kreatives Schaffen keineswegs einschränken lässt: Um seinen Intentionen Ausdruck zu verleihen, nutzt er jedes erdenkliche Medium. In seinem Oeuvre finden wir folglich Installationen, Skulpturen, Malerei oder Interventionen im öffentlichen Raum. 

 Alle seine Arbeiten weisen neben der ausgesprochenen Ästhetik eine besondere Tiefe auf, die von Betrachter*innen erforscht werden muss: Wir finden Installationen, wie etwa „IMGOLDENENKÄFIGAMSEIDENENFADEN“, ein begehbares Objekt im öffentlichen Raum, das uns auf die Fragilität des Konstrukts hinweist, uns in der zwischenmenschlichen Kommunikation mehr und mehr von digitalen Geräten, wie Smartphones, abhängig zu machen. Wir entdecken denkwürdige Skulpturen aus Holz, wie etwa die Werkserie „Stühle“, die in filigraner Arbeit mit einer Kettensäge letztlich sinnbildlich unser soziales Mit- und Gegeneinander symbolisiert. Ebenso finden wir in seinem Oeuvre ansprechende Malereien, wie seine sogenannte „Spin Art“. Es handelt sich dabei um Zentrifugalbilder im Stahlrahmen, die durch analoge Muskelkraft entstanden sind und mit der Ästhetik des Zufalls spielen.

 Die Technik des Ready-mades ist ein wiederkehrendes Motiv in Jens Grundschocks Schaffen. Die Bezeichnung dieser Gattung meint spätestens seit Marcel Duchamps „Flaschentrockner“ von 1914 die Transformation eines Alltagsobjekts zu einem Kunstwerk. Bis heute verschließen wir allzu oft die Augen vor der Ästhetik und sinnbildlichen Aussagekraft – selbst defekter – Gebrauchsgegenstände. Ein bereits prominentes Beispiel eines Ready-mades in Grundschocks Wirken ist die Werkreihe der Doppel-T-Träger. Bereits vor Jahren, beim Abriss des Fabrikgeländes der Zuckerfabrik (im Jahr 2009), weckte ein deformierter TT-Träger das künstlerische Interesse von Jens Grundschock und wurde für ihn zum Faszinosum, das er in zahlreichen Kunstwerken verarbeitete. Von Malerei bis hin zu in bronzegegossenen oder aus holznachgebildeten, zudem vergoldeten TT-Trägern entstand eine ganze Serie, die diesen einen verbogenen Waghäuseler TT-Träger aus künstlerischer Perspektive analysierte. Gerade durch die Vergoldung wurde die plötzliche Verletzlichkeit des Stahls in den Fokus gerückt.

Grundschock operiert virtuos mit materiellen und inhaltlichen Übersetzungsprozessen: von Metall über Beton zu Holz wiederum in Malerei. 

 DASWEISSEGOLDVONWAGHÄUSEL spiegelt folglich nicht nur die Verwurzelung von Jens Grundschock in dieser Region, sondern in ihm verdichten sich die Kernthemen seines künstlerischen Ausdrucks: das Spiel mit Durchbrüchen, Sichtachsen und Perspektiven; die Transformation von Industrieobjekten; eine Neigung zu Ready-mades; eine ausgesprochene Experimentierfreude mit Gattungen und Materialien, das künstlerische Hinterfragen von gesellschaftlichen Wandelprozessen; ein hohes Maß an Sinn für Ästhetik und das Außergewöhnliche und eine Garantie für Tiefe und Gehalt.

 

Text: Dr. Pamela Pachl, Kunsthistorikerin und Bildwissenschaftlerin

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