GRUNDSCHOCKSART
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Weißes Kreuz

 

JENS GRUNDSCHOCK: O.T. [WEIßES KREUZ], 2016

 

Ein Kreuz. Ein weißes Kreuz. Erhaben. Anmutig. Archaisch.

Erst auf einen zweiten Blick offenbart sich dem Rezipienten, dass es sich bei diesem sakral wirkendem Kunstwerk, um die Transformation eines Alltagsgegenstandes – um ein Ready-made – handelt.

Durch die Technik der Demontage und Rekonstruktion verwandelt Grundschock eine alltägliche Einwegpalette – einen Wegwerfgegenstand unserer Konsumgesellschaft (der zur internationalen Versendung von Waren und Produkten verwendet wird) – zu der uns wohlbekannten, religiös konnotierten Form.

Die von Grundschock transformierte Palette kann als ein Symbol bzw. als eine Metapher unserer globalisierten Waren- und Konsumwelt aufgefasst werden. Durch den Akt der Transformation entreißt der Künstler diesen zunächst belanglosen Einweggegenstand aus dem Prozess seiner charakteristischen Vergänglichkeit. Er stoppt den in unsrer Gesellschaft ins Groteske übersteigerten Prozess des Produzierens, Verwendens und Entsorgens. Grundschocks Arbeit mahnt zum Innehalten, zum Reflektieren, zur Kontemplation – sowohl auf gesellschaftlicher als auch auf der ganz persönlichen Ebene.

Selbst in der Bearbeitung der rauen Oberflächenstruktur versinnbildlicht sich der ikonologische Gehalt dieser Arbeit: Weiß. Die Farbe der Reinheit. Im Kontrast zur sonst unbehandelten Oberfläche einer Einwegpalette wurde das Holz mit feinsten Pigmenten aus Champagnerkreide und Rügener Kreide in etwa zwanzig lasierenden – langlebigen – Schichten veredelt.

Beinahe wie ein Ausrufezeichen, das den Ausdruck bzw. die Botschaft des Werkes verstärken soll, wurde im rechten unteren Drittel eine leuchtend blaue quadratische Plexiglasplatte angenagelt. Das Quadrat vor weißem Grund weckt eindeutige Assoziationen an Malewitschs populär gewordene, auf einer Leinwand manifestierten, Erfahrung der Unendlichkeit – in Form der geometrischen Figur eines schwarzen Quadrates.

Die Farbe Blau wiederum hat typischerweise nicht nur sakrale Bedeutung (u.a. die Farbe Mariens) sie ist in der Kunstgeschichte des Weiteren als eine Farbe etabliert, die in den Theorien vieler Künstler die Unendlichkeit symbolisiert (so etwa bei Wassily Kandinsky oder auch Yves Klein).

Durch die „Sakralisierung einer Einwegpalette“ zwingt Grundschock den Betrachter zum Nachdenken. Er schafft ein Mahnmal gegen die Vergänglichkeit. – Auch oder gerade weil dem Betrachter beim Erkennen bzw. Begreifen dieser Arbeit zumindest ein kleines Schmunzeln über die Lippen gleiten wird.

 

Pamela Pachl, Kunsthistorikerin M.A.

 

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© Jens Grundschock